Nürnberg: Das ehemalige Reichsparteitagsgelände

Jeder kennt die Nürnberger Burg und den Christkindlesmarkt. Die Vergangenheit als Stadt der Reichsparteitage der NSDAP ist weniger bekannt. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Bauwerken aus dieser Zeit und mit dem, was heute daraus wurde. Ergebnis ist ein Reisetipp, der zum Nachdenken anregen soll.

Die Kongresshalle, das Wahrzeichen des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg

Entstehung des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes

Ab 1933 führte die NSDAP jährlich einmal Propagandaveranstaltungen, die Reichsparteitage, durch. Vorher gab es schon unregelmäßig ähnliche Veranstaltungen an verschiedenen Orten. 1933 fiel die Wahl auf Nürnberg als Veranstaltungsort. Nürnberg lag damals fast mitten im damaligen Reich und der Luitpoldhain stand als Veranstaltungsort mit entsprechender Größe zur Verfügung.

Später begründete die Propagandamaschine der Nazis die Entscheidung, alle künftigen Parteitage in Nürnberg durchzuführen, mit der Geschichte des Mittelalters. Damals fanden die Reichstage der Kaiser mehrfach in Nürnberg statt.

Um den zukünftigen Veranstaltungen einen Rahmen zu geben, erhielt Albert Speer, Hitlers Lieblingsarchitekt, den Auftrag, für die Reichsparteitage die entsprechenden Bauten zu schaffen. Die Planungen für das 11qkm große Gelände erfolgten von 1934 bis 1936, erste Baumaßnahmen begannen 1935. Obwohl die Arbeiten von Hitler als sehr wichtig eingestuft wurden, konnten die Bauten nur teilweise fertiggestellt werden.

Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs führte zum Stillstand der Arbeiten. Der letzte Reichsparteitag fand 1939 statt. Einige Bauwerke wurden durch Bomben gleich wieder zerstört. Nach Kriegsende riss die Stadt Nürnberg einen Teil der Bauruinen und Gebäude ab. Andere Teile blieben erhalten und werden heute zu den verschiedensten Zwecken genutzt.

In der Bauruine der Kongresshalle entstand 2001 das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände mit einer sehenswerten Ausstellung. Über das gesamte Gelände führt ein Rundweg mit 23 Informationstafeln.


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Übersicht über die Bauten des Reichsparteitagsgeländes

  • Der Luitpoldhain – eine Aufmarschfläche für 150.000 Menschen, fertig gestellt, heute Grünanlage, Reste vorhanden
  • Die Kongresshalle – überdachte Halle für 50.000 Besucher, nur Treppenhäuser fertiggestellt, heute Dokumentationszentrum
  • Das Zeppelinfeld – Offenes Aufmarschgelände für 200.000 Personen, fertig gestellt, heute Freizeit-und Sportgelände, Autorennstrecke
  • Das Märzfeld – ein Aufmarschgelände für 500.000 Zuschauer, halb fertig gestellt, in den sechziger Jahren gesprengt, heute liegt hier der Stadtteil Langwasser
  • Das Deutsche Stadion -geplant als größte Sportarena der Welt für 400.000 Zuschauern, nur Grundsteinlegung und Erdaushub, nach dem Krieg teilweise mit Trümmern zugeschüttet (Silberbuck) oder mit Wasser vollgelaufen (Silbersee)
  • Die große Straße – 2km lange Paradestraße, 1,5km fertig gestellt, heute Großparkplatz für das Messegelände
  • Und weitere kleinere Bauten wie Bahnhöfe, Kasernen, Transformatorenstation (heute Burger-Schnellimbiss!)

Ein Besuch des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes

Das Dokumentationszentrum

Den Besuch des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in der Bauruine der Kongresshalle,  in Nürnberg kurz Dokuzentrum genannt, fand ich sehr informativ. Insbesondere die Texte auf dem Audioguide beeindruckten mich. Es half mir, die Geschichte besser zu verstehen. Es wird ein Bogen geschlagen von der Entstehung des Nationalsozialismus bis zu den Nürnberger Prozessen. Anhand von Schautafeln, zeitgenössischen Texten, Filmen und Bildern gibt die Ausstellung einen guten Einblick in die damalige Zeit. Naturgemäß nehmen die Reichsparteitage der NSDAP einen großen Raum ein.Die Architektur des Museums trennt die Räume bewusst von der Kongresshalle ab. Wie ein Pfahl aus Glas und Stahl durchdringt es das Gebäude. Für den Besuch sollte man ca. zwei Stunden einplanen.

Nach dem Museumsbesuch machten wir uns auf den vorgeschlagenen Weg durch das Gelände. Dazu hatten wir schon vorab zu hause den dazu gehörigen Audioguide heruntergeladen. Erst durch den Fußweg erkannten wir die Größe des Geländes und der Gebäude. Mit einigen Fotopausen benötigten wir 2,5 Stunden für den Rundgang. Wer das Gelände nicht auf eigene Faust erkunden möchte, kann sich einer geführten Tour anschließen.

Die Kongresshalle

Es war von Speer geplant, eine überdachte Halle für 50.000 Besucher zu errichten. Als Vorbild diente das Kolosseum in Rom. Das in U-Form mit zwei Kopfbauten angelegte Gebäude mit den Außenmaßen 240x200m sollte im Endausbau fast 70m hoch werden. Die Baumaßnahme konnte durch den Krieg nicht vollendet werden. Fertig gestellt wurden nur die äußeren Zugänge und Treppenhäuser sowie die beiden Kopfbauten. Insbesondere die Überdachung erfolgte nicht mehr. Dennoch ist der Torso der größte erhaltene Monumentalbau der Nazizeit.

Die Kongresshalle geplant für den Reichsparteitag Entgegen des äußeren Erscheinungbildes entstand das Gebäude in Ziegelbauweise. Um das Besondere des Bauwerks darzustellen, verkleidete man den Bau anschließend mit Granitplatten aus allen deutschen Landesteilen. So entstand das heutige wuchtige Bild der ungleichmäßigen Granitfassade.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges nutzte man das Gebäude und die Freifläche für verschiedene Zwecke. So wurden zeitweise die von der Polizei beschlagnahmten Fahrzeuge im Innenhof abgestellt. Heute dient das Gebäude zu Lagerzwecken. In einem Kopfbau befindet sich das Dokumentationszentrum. Der zweite Kopfbau ist die Heimat der Nürnberg Symphoniker. In einem Innenhof finden im Sommer Open Air Konzerte statt (Serenadenhof). Auf dem Rundgang über das Gelände gelangt man zwischen den Kopfbauten hindurch in den Innenhof. Erst von dort wird die wirkliche Größe der Bauruine erlebbar. Da ich bei meinem Besuch zeitweise Allein im leicht verwilderten Innenhof stand, kam ich mir sehr klein vor.

Einen kleinen Tipp habe ich noch für besonders Interessierte. Neben dem Museumseingang befindet sich ein kleiner Parkplatz. Hinten, an der Wand der Kongresshalle findet man eine Treppe. Der Zugang ist etwas versteckt. Über diese Treppe gelangt man in den Säulenumgang, der im 1.Stock um einen Großteil des Gebäudes herum führt.

Ausschnitt aus der Fassade Kongresshalle Nürnberg

Innenhof Kongresshalle Nürnberg

Die große Straße

Das nächste Bauwerk auf dem Rundgang ist die große Straße. Diese Paradestraße sollte eine Länge von 2km erhalten. Gebaut wurden davon nur 1,5km mit einer Breite von 40m. Teilweise errichtete man an der Seite Tribünen. Die Ausrichtung auf die Kaiserburg sollte die Verbindung zum Deutschen Kaiserreich symbolisieren. Gedacht war es, große Paraden abzuhalten. Dazu kam es nicht, da nach Teilfertigstellung kriegsbedingt keine Parteitage mehr durchgeführt wurden.
Heute wird die aus Granitplatten gebaute Straße als Großparkplatz für das Messegelände, das Stadion und den Volksfestplatz genutzt. Die wahre Größe erschließt sich dem Besucher nur außerhalb von Großveranstaltungen. Die ursprünglichen Granitplatten sind nur noch im nördlichen Teil erhalten komplett erhalten. Beeindruckend ist der Blick, wenn man in der Mitte der Straße steht und Richtung Süden bis zum Ende blickt.

Das Zeppelinfeld

Das Aufmarschgelände für 200.000 Besucher entstand als einer der ersten Anlagen. Bereits 1937 nutzte es die NSDAP für den Parteitag. Wieder einmal sind die Ausmaße beeindruckend. Die Gesamtmaße betragen außen ca. 360m x 370m, inklusive der Zeppelinhaupttribüne (siehe unten). Die Fläche wurde auf drei Seiten mit Erdtribünen versehen. Insgesamt entstanden 34 Türme für Fahnen und Scheinwerfer.

Nach Kriegsende nutzten die Amerikanischen Truppen das Gelände, zuerst für Veranstaltungen, später als Sportplätze für die in Nürnberg stationierten Streitkräfte. Heute finden hier Sportveranstaltungen und jährlich das bekannte Festival „Rock im Park“ statt. Auf der Straße zwischen Zeppelinfeld und Haupttribüne befindet sich die Start- und Zielgerade des DTM-Norisring-Autorennens. Das Zeppelinfeld dient dann als Fahrerlager.

Leider konnte ich das Sport- und Freizeitgelände nur entlang des Zaunes begehen. Eine Zutrittsmöglichkeit für Besucher gibt es nicht. Allerdings reichte mir der Eindruck durch den Zaun und von der Haupttribüne, um einen Eindruck von der Größe zu bekommen.

Die Zeppelinfeld-Haupttribüne

Die Ostseite des Zeppelinfeldes wird von der Haupttribüne abgeschlossen. Das damals 20m hohe Bauwerk entstand nach dem historischen Vorbild des Pergamon-Altars. Oberhalb des heute noch erhaltenen Teils stand noch eine Säulenreihe. Im Inneren befindet sich der goldene Saal, der zur Zeit leider nicht zugänglich ist.

Die Tribüne dient heute einmal im Jahr beim Norisring-Autorennen wieder dem ursprünglichen Zweck. Um das Bauwerk weiterhin für die Nachwelt zu erhalten, stehen umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an. Der erforderliche Umfang wird derzeit von Experten ermittelt.

Wer als Besucher einmal den Ausblick Hittlers auf das Gelände nachempfinden möchte, ist hier richtig. Mir verursachte der Gedanke, an der Stelle zu stehen, an der früher die ganzen Nazigrößen standen, Reden hielten und Paraden abnahmen, ein flaues Gefühl.

Der Luitpoldhain

Der Luitpoldhain war ursprünglich eine Grünanlage mit einem Ehrenmal für gefallene Soldaten. Hier fand der erste Nürnberger Reichsparteitag statt. Die Grünfläche ersetzte man durch eine Aufmarschfläche mit Tribünen. Gegenüber der Ehrenhalle entstand eine Rednerkanzel. Hier führten SA und SS Veranstaltungen mit bis zu 150.000 Teilnehmern durch.

Nach dem Krieg baute man die Anlagen bis auf die Ehrenhalle als Gedenkstätte zurück. Heute ist es wieder eine große Grünanlage für die Nürnberger Bevölkerung.Von dem Aufmarschgelände findet man nur noch vereinzelte Spuren, wie Treppen und Wege aus Granitplatten.

Bei meinem Besuch herrschte schönstes Herbstwetter. Da fiel es mir schwer, mich mit der Geschichte auseinander zu setzen und ich genoss die schöne Grünanlage in der Herbstsonne.


Luipolthain Nürnberg

Fazit meines Besuchs der Reichsparteitagsgeländes

Die Beschäftigung mit diesem dunklen Kapitel der Nürnberger Geschichte fand ich sehr spannend und interessant. Durch den Besuch des Dokuzentrums angeregt, gefiel mir der Rundgang sehr gut. Bei dem Rundgang kommt man nicht um Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte herum. Der Größenwahn der Herrscher ist deutlich erlebbar. Aus meiner Sicht müssen diese Mahnmale für die folgenden Generationen erhalten bleiben. Nur so ist es möglich, die Hintergründe und die Machtsymbole der NS-Zeit halbwegs zu verstehen.Ich kann Besuchern der Stadt nur empfehlen, sich auf diesen ca. 2Stunden dauernden Rundgang über das Gelände und entlang des Dutzendteichs einzulassen. Meist führt der Weg durch Grünanlagen am Seeufer entlang. Nur um den Luitpoldhain zu besuchen, muss eine Straße überquert werden.

Ich werde die Gegend noch ein zweites Mal besuchen und mich mit den Überresten der weiteren Bauten zu beschäftigen.

Schon vor meinem Besuch überlegte ich, ob dies Thema in einen Reiseblog passt. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass dieser Ort ein Reiseziel ist. Erfreut stellte ich auf meinem Rundgang fest, dass einige Schulklassen mit fachkundigen Führern das Gelände erkundeten. Bei zwei Gruppen konnte ich hören, dass die Führung in Englisch erfolgte. Ja, es ist ein Reisetipp und gehört in diesen Blog.

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