Linksverkehr in Großbritannien – Fahren auf der falschen Seite

Der Linksverkehr schreckt viele Wohnmobilbesatzungen ab, Großbritannien zu besuchen. Auch mir bereitete das Thema vor unserer ersten Reise Kopfzerbrechen. Bereits nach dem ersten Tag auf der Insel waren die Sorgen verflogen. Mit diesem Bericht möchte ich Mut machen, es einfach einmal zu probieren.

Erste Übungen in Dover

Für uns begann das Abenteuer in Dover.  Nach dem Gewühl im Fährhafen suchten wir den Weg in Richtung Kreidefelsen. Nach einem ersten Kreisverkehr durfte ich gleich das Abbiegen üben. Voll konzentriert geriet ich mit unserem 2,55m  Alkovenmobil auf eine enge Straße. Bei Gegenverkehr folgten erste Ausweichmanöver. Zum Glück entschärfte das rücksichtsvolle Verhalten der Engländer die Situationen.

Anschließend auf der Autobahn klappte das Fahren bereits besser. Nur die Überholvorgänge fand ich sehr gewöhnungsbedürftig. Die Beifahrerin lernte, den Blick auf den rechten Spiegel freizuhalten. Bald landeten wir in den ersten Kreisverkehren. Einige Male mußte die Beifahrerin helfen, um eine Lücke zu finden. Jedes Mal an der Ausfahrt hatte ich ein komisches Gefühl in der Magengegend. Es folgten gleich noch einige schmale Landstraßen. Öfter hatte ich auf engen Straßen Angst um meinen Außenspiegel.

Insgesamt empfand ich das Fahren am ersten Tag sehr anstrengend. Im Laufe unserer Reise änderte dies sich schnell. Ich gewöhnte mich an die Hecken an meiner linken Seite und die schmaleren Straßen. Das Fahren in den Kreisverkehren wurde Routine. Das Reisen strengte mich nicht mehr besonders an.

Während unserer Touren auf der Insel passierte es mir nur zwei Mal, in alter Gewohnheit auf die falsche Straßenseite zu geraten. Beide Fehler passierten mir nach dem Wenden auf einer leeren Straße. Beim ersten Mal kam mir ein PKW entgegen. Lachend nutzte der Fahrer die Lichthupe um mich zu warnen. Beim zweiten Mal rettete mich meine Beifahrerin.

Rücksichtsvolles Verkehrsverhalten ist kein Fremdwort

Immer wieder machte ich die Erfahrung, dass sich die Verkehrsteilnehmer sehr rücksichtsvoll verhielten. Nur sehr selten erlebten wir ungeduldige hektische Verkehrsteilnehmer. Oft passierte es uns, dass die einheimischen Fahrer sofort Platz machten oder warteten, um uns mit dem Wohnmobil an einer Engstelle durchzulassen. In Kreisverkehren nahm man Rücksicht auf uns Left Hand Driver. Viele Situationen lösten sich durch ein Lächeln und einen freundlichen Gruß.

In Staus geht es ruhig und ohne Spurwechsel voran. Sollte man einmal in der falschen Fahrspur stehen, ist es kein Problem, einmal Blinken und schon lässt Jemand eine Lücke und ermöglicht den Spurwechsel. Der gesamte Verkehr läuft einfach ruhiger und  mit mehr Gelassenheit. Den Unterschied zum Kontinent erlebten wir sehr deutlich nach unserer Rückkehr auf den Autobahnen um Calais.

Die Kreisverkehre – immer ein Rätsel?

Viele, besser fast alle Kreuzungen auf der Insel sind als Kreisverkehre ausgebildet. Manchen Reisenden bereiten die mehrspurigen Kreisel Kopfzerbrechen. Im Netz liest man immer wieder Horrorgeschichten. Wir können dies nicht nachvollziehen.

Es gibt nur zwei Punkte, deren Beachtung das Fahren wesentlich erleichtert. Bereits bei der Anfahrt auf einen Roundabout  entscheidet man sich für eine Fahrtrichtung und setzt den Blinker bei der Einfahrt entsprechend: Linker Blinker -> erste Ausfahrt, kein Blinker – geradeaus und rechter Blinker – Rechts abbiegen.  An der Ausfahrt wird ebenso Zeichen gegeben mit dem Bliker nach links.  Das ganze klingt hier komplizierter wie es eigentlich ist. In der Praxis gewöhnt man sich schnell an diese Logik. Zu diesem Thema gibt es gute Videos auf You Tube, Suchbegriff Roundabout

Bei einem mehrspurigen Kreisel ist es erforderlich, sich entsprechend einzuordnen. Es gilt der Grundsatz, dass sich nur  die Rechtsabbieger in die rechte Spur einordnen. In besonderen Fällen werden auf den Wegweisern die zu wählenden Spuren dargestellt. Hält sich der Fahrer an die Fahrbahnmarkierungen, so gelangt er automatisch an die richtige Ausfahrt.

Nach den ersten 20 Kreisverkehren hatte ich mich an die Spielregeln gewöhnt und ich lernte diese Art der Kreuzung zu lieben. Enge oder kritische Fahrsituationen erlebte ich nicht, da sich die meisten Verkehrsteilnehmer sehr diszipliniert verhielten.

Enge Straßen, Hecken  und Single Track Roads

Oft liest man von sehr engen Straßen auf der britischen Insel. Auch wir erlebten, dass die Straßen oft nicht die gewohnte Breite hatten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Versdichte nicht hoch ist. Ganz besonders eng ging es in Cornwall und Devon zu. Hinzu kommen die üblichen hohen Hecken beiderseits der Straße hinzu.

Der Left Hand Driver fährt über lange Strecken auch auf zweispurigen Hauptstrecken immer nur direkt an der Hecke entlang. Dadurch entsteht die Gefahr, im Laufe der Fahrt zu weit nach rechts zu kommen. Dann wird es eng.

Die einspurigen Strecken zwischen den sehr hohen Hecken stellen eine besondere Herausforderung dar. Auf diesen Straßen funktioniert es nur gegenseitiger Rücksicht und angepasster Geschwindigkeit. Bei Gegenverkehr wird einfach an einer etwas breiteren Stelle gewartet und der Gegenverkehr durchgelassen. So kann es erforderlich sein, einmal einige Meter zurück zu fahren. Irgendwann nach einer längeren Fahrt durch die Hecken fehlte unsere Begrenzungsleuchte hinten links. Ein Busch hatte die Leuchte unbemerkt abgerissen.

Nicht durch Schilder beschränkte Straßen sind immer breit genug für ein Wohnmobil. Schließlich fahren auch Linienbusse, Transporter und LKW auf den Straßen, ohne regelmäßig Schäden zu verursachen. Anfangs wunderten wir uns immer, wenn wir nach einigen Kilometern auf einer einspurigen Straße am Ziel dann mehrere Reisebusse antrafen. Diese Fahrzeuge schlängeln sich ganz selbstverständlich zwischen den Hecken hindurch.

Linksverkehr in Schottland

Ganz anders zeigte sich das Fahren auf den Single track Roads in Schottland. Im Gegensatz zu Südengland sind auf diesen einsurigen Strecken sehr viele Ausweichstellen angelegt und beschildert. Bei Gegenverkehr hält ein Fahrzeug an dem nächsten Passing Place an und wartet den Gegenverkehr ab. Entgegen der häufig zu lesenden Meinung gibt es keine eindeutige Vorfahrtsregel.

Insgesamt fanden wir das Fahren im Vergleich zu Cornwall einfacher. Da die Ausweichstellen dank der Schilder sehr gut sichtbar sind, kann man gut abschätzen, ob man warten sollte oder bis zur nächsten Ausweiche weiterfahren kann.

Schwierigkeiten erlebten wir nur auf einer Strecke, als uns viele deutsche Fahrzeuge mit einer Startnummer einer Orientierungsfahrt entgegen kamen. Da verliefen die Begegnungen nicht immer partnerschaftlich. Angenehmer verliefen die Begegnungen mit den Britten. Meist stoppten die Fahrer weit vorher, um uns durchzulassen.

Fazit

Das Autofahren auf der Insel ist nicht schwieriger, nur etwas anders. Wer sein Wohnmobil kennt und die Abmessungen verinnerlicht hat, wird nach einer kurzen  Eingewöhnung keine Schwierigkeiten haben.

Dennoch möchte ich an dieser Stelle meine bereits an anderer Stelle geäußerte Meinung wiederholen. Ich halte es nicht für zweckmäßig, den ersten Urlaub mit einem Wohnmobil ausgerechnet in Großbritannien zu verbringen. Man muss die Maße des Fahrzeugs  gut einschätzen können und über Rangiererfahrungen verfügen. Ab und an kann erforderlich sein, den Spiegel anzuklappen und etwas dichter an die Hecke heran zu fahren..

Lassen Sie sich nicht bange machen, Großbritannien ist ein tolles Reiseland!

Ergänzung

Einen Überblick über die Verkehrsregeln in Großbritannien findet man auf der Seite des Britischen Fremdenverkehrsamtes.

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